FOCUS ONLINE: Griechenland braucht Landsleute aus aller Welt in der Heimat
Jorgo Chatzimarkakis gab FOCUS Online das folgende Interview – die Fragen stellte Martina Fietz.
FOCUS Online: Aus der Ferne betrachtet sind die Proteste der griechischen Bevölkerung schwer zu verstehen. Sie sind deutscher und griechischer Staatsbürger. Erklären Sie uns doch bitte die hellenische Befindlichkeit.
Jorgo Chatzimarkakis: Die Griechen wurden vor einem Jahr mit einem Sparpaket konfrontiert, das ohne Volksabstimmung und ohne besondere Ermächtigung der Regierung aufgelegt wurde. Damals wurde der Bevölkerung gesagt, das sei unbedingt nötig, um den Staatsbankrott abzuwenden. Ein Jahr später nun sehen die Griechen sich in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 40 Prozent. Jedes dritte Geschäft in Athen hat geschlossen. Die einzigen, die bisher durch das Sparpaket belastet wurden, waren kleine und mittlere Einkommen. Die Lage ist für viele Menschen absolut verzweifelt. Darum ist es nachvollziehbar, wenn sie sich wehren. Sie verstehen die Sparpolitik nicht mehr.
Ist die Einsicht in die Sparpolitik überhaupt nicht gegeben oder akzeptieren die Menschen in Griechenland nicht, wie diese umgesetzt wird?
Das Sparprogramm wurde von der Regierung Papandreou nicht ausreichend kommuniziert. So wie in Deutschland die Regierung auch Schwierigkeiten hat, die Stabilisierung der Eurozone zu vermitteln, so hat es die griechische Regierung nicht vermocht, die Notwendigkeit des Sparprogramms und den eigenen Anteil Griechenlands an der Schuldenkrise zu verdeutlichen. Daraus resultiert, dass die Bürger zum Teil Ursache und Wirkung verwechseln.
In einer solchen Lage wäre eine starke Opposition gefragt. Doch auch die konservative Nea Dimokratia scheint zu versagen.
Die Haltung von Oppositionsführer Samaras ist absolut unverantwortlich. Premierminister Papandreou hat in der vergangenen Woche in einem Akt der Selbstaufgabe angeboten, sein Amt zur Verfügung zu stellen, wenn die große Oppositionspartei in eine Einheitsregierung eintritt. Selbst das hat Samaras ausgeschlagen, weil er auf Neuwahlen setzt und die Krise für den parteipolitischen Erfolg instrumentalisiert. Das ist weder mit Blick auf die griechischen noch mit Blick auf die europäischen Interessen verantwortlich.
Die Griechen haben in der vergangenen Woche durch die zum Teil gewalttätigen Proteste ihre Haltung zur Politik im Land dokumentiert. Wir müssen davon ausgehen, dass es eine Scheidung gibt zwischen dem Volk auf der einen und Parlament und Regierung auf der anderen Seite. Zwischen der griechischen Bevölkerung und der politischen Klasse gibt es mittlerweile eine tiefe, tiefe Kluft, die zu überwinden lange Zeit dauern wird.
Was heißt das? Sind Neuwahlen nötig?
Die Bevölkerung wird nur eine Regierung akzeptieren, die sich aus unabhängigen Experten zusammensetzt und auch überparteilich besetzt ist. Das bipolare Parteiensystem aus der sozialistischen Pasok und der stark nach rechts gerückten Nea Dimokratia, von der sich die Liberalen abgespalten haben, hat Griechenland in die desaströse Lage gebracht, in der es jetzt ist. Die Bevölkerung ist das leid. Sie traut den großen Parteien nicht mehr. Aber auch die kleinen Parteien genießen kein Vertrauen, weil sie bisher nur partikulare Interessen vertreten haben.
Wo ist dann der Ausweg?
Ich erwarte von den 300 Abgeordneten des griechischen Parlaments, dass sie erkennen, dass aus ihren Reihen heraus allein eine Reinigung des Systems nicht mehr möglich ist. Eine Möglichkeit sehe ich darin, weltweit verstreute Experten griechischer Herkunft zusammenzurufen. Diese sollten überlegen, jetzt in die alte Heimat zurückkehren und dort Hilfe zu leisten. Griechen sind im Ausland sehr erfolgreich. Sie sind zum Beispiel die zweitreichste Minderheit in den USA. Es ist paradox: Sie sind das einzige Volk, das innerhalb des eigenen Landes verarmt, aber außerhalb zu Reichtum kommt! Diejenigen, die sich im Ausland Wissen angeeignet haben, könnten nun zurückkehren und das Land wieder aufbauen. Das Parlament muss den Weg dafür frei machen – für eine Regierung der nationalen Einheit und des Expertentums.
Würden Sie auch nach Griechenland gehen?
Ich sehe meine Aufgabe darin, als deutscher Europaabgeordneter und europäischer Patriot zwischen beiden Ländern zu vermitteln. Wir haben es im Moment zwischen Deutschland und Griechenland mit den schlimmsten wechselseitigen Vorwürfen seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Das ist auch für mich eine schwierige Situation, weil ich beiden Ländern verbunden bin. Bislang habe ich mich bemüht, in beiden Ländern das Denken der jeweils Anderen zu erklären. Am Ende wird es darum gehen, was der EU jetzt am meisten hilft.
Hat auch die EU versäumt, Griechenland eine Perspektive aufzuzeigen? Muss ein Wiederaufbauplan für Griechenland her?
Europa hat versäumt, neben das Sparpaket ein Investitionsprogramm zu setzen, das den Menschen ein Licht am Ende des Tunnels zeigt. Das fehlt komplett. Griechenland, aber auch die anderen „PIIGS“ (die fünf Euro-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien, Anm. d. Red.), braucht eine Art „Herkulesplan“, ähnlich dem Marshallplan, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Deutschen und anderen Europäern geholfen hat. Wenn die EU jetzt nicht beherzt eingreift, wird der Virus der extremen Wirtschaftsflaute auch auf andere Länder, beispielsweise Portugal, übergreifen.
Haben Sie Angst um Europa?
Ich habe weniger Angst um den Euro als um unser gemeinsames Projekt Europa. Was im Moment passiert, ist nicht mehr vereinbar mit den großen europäischen Visionen, die von den Gründungsvätern in der Nachkriegszeit vorgegeben wurden. Mir ist angst und bange, wenn ich sehe, wie unverantwortlich viele Staats- und Regierungschefs jetzt Scheuklappen anlegen und nur auf den eigenen Vorteil schauen. Jetzt gibt es nur eine Chance: mehr Europa. Deutschland und Griechenland sind dabei Extrempole. Sie können nur gemeinsam den Euro retten.
Macht die Bundesregierung Fehler?
Vieles ist richtig, aber manches sehe ich kritisch. Die Bundesregierung hätte zum Beispiel im vergangenen Dezember nur deutlich sagen müssen, Griechenland werde ohne Wenn und Aber gerettet. Diese klare Aussage hätte gereicht, um Turbulenzen an den Märkten zu vermeiden! Die Märkte spekulieren derzeit auf abweichende Meinungen innerhalb des Regierungslagers, innerhalb der europäischen Familie. Wir haben die Märkte zu lange laufen lassen und zu lange verunsichert. Jetzt ist es an der Zeit, klar zu formulieren, dass unser Euro gerettet wird und der vielstimmige Chor beendet wird.
Was erwarten Sie vom EU-Gipfel am Ende dieser Woche?
Das hängt von dem Ausgang der Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament in der Nacht zum Mittwoch ab. Sollte Papandreou diese gewinnen, wird der Gipfel aller Voraussicht nach die letzte Tranche des alten Hilfspakets in Höhe von zwölf Milliarden Euro freigeben. Sollte Papandreou scheitern, womit ich nicht rechne, wird der Gipfel Mittel und Wege suchen müssen, um die Märkte zu beruhigen.
Das Interview finden Sie auch auf der Internetseite von FOCUS Online.



