Wie ticken die Griechen wirklich?

Griechenland steht vor einem grundlegenden Mentalitätswandel. Mit den alten Verhaltensmustern kommt das Land nicht weiter. Das wissen auch die Griechen selbst.

Alexis weiß, wer Schuld ist: “Die Krise. Daran sind wir selber Schuld. Aber auch die Deutschen, die lassen uns finanziell ausbluten anstatt zu helfen.”

Athen, im April 2010. Kurz nachdem der griechische Premierminister Papandreou auf der Insel Kastelorizo in einem dramatischen Appell auf kommende harte Zeiten einschwört, fahre ich mit einem Taxi zum griechischen Staatspräsidenten. Der Haushaltskontrollausschuss des Europäischen Parlaments besucht Athen und will sich vor Ort ein Bild über gefälschte Haushalts-Statistiken und den Stand der Kontrolle von EU-Fördergeldern verschaffen.

Alexis ist mein Taxifahrer. Mit überschwänglicher Freundlichkeit hat er mir am Flughafen den Koffer aus der Hand gerissen und in sein Taxi, einen staubigen Mercedes, an dessen Rückspiegel ein Ikonenbild baumelt, bugsiert. Während der Fahrt gibt es nur ein Thema: Die Krise. Und Alexis weiß ganz genau, dass die Griechen zu wenig Steuern zahlen, dem Staat mit tiefem Misstrauen begegnen, gerne aber sein Geld nehmen und darauf warten, dass andere den ersten Schritt unternehmen. Den macht aber (fast) keiner. Noch nicht: Als wir beim Staatspräsidenten angekommen sind, scheiden wir als Freunde. Ist Griechenland gerettet?

Der 45-jährige Athene kramt jetzt in seiner Geldbörse und gibt mir das Wechselgeld. Ich runde großzügig auf, doch auf eine Quittung warte ich vergeblich. Das ist mein kleiner Test, denn hätte ich gefragt, hätte ich wohl eine Quittung bekommen, aber so versickern die 45 Euro, die ich für 30 Kilometer bezahlt habe, in der griechischen Schattenwirtschaft. Von fünf Taxifahrern, die mich durch Athen gefahren haben, hat mir nur einer freiwillig eine Quittung ausgestellt.

Griechenland muss sich ändern, das wissen die Griechen - und warten, dass die anderen damit anfangen. Mit dieser Einstellung wird Griechenland nicht aus den Schlagzeilen kommen! Griechenland droht, den Euro in einen Abwärtsstrudel zu ziehen. IWF und Eurozone werden jetzt versuchen, mit einem Milliarden schweren Rettungspaket das zentrale europäische Einigungsprojekt zu retten. Aber nicht nur Europa steht auf Messers Schneide. Auch das moderne Griechenland, ein mehr als 200 Jahre alter Staat, muss sich neu erfinden.

Dass das im Grunde nicht gelingen kann, weil die Griechen zu sehr in ihren alten Denkmustern befangen seien, das ist der Tenor vieler Artikel, die in den letzten Wochen erschienen sind. Während die Boulevardmedien auf die “Pleite-Griechen” einschlagen, gibt es auch differenziertere Stücke wie Alexandros Stefanidis´ Text “Highway to Hellas.” Ja, Stefanidis hat Recht. Ohne Fakelaki, den diskreten Umschlag, erreicht man vieles nicht in Griechenland. Ja, die Griechen betrachteten den Staat als Feind. Ja, Rousfeti, die kleine Gefälligkeit, ist das Scharnier der griechischen Gesellschaft, bis in die Politik.

Als 2004 die konservative Nea Dimokratia an die Macht kam und mit ihr der Finanztrickser Alogoskoufis, stellte Premierminister Kostas Karamanlis 68.000 neue Beamte ein. Doch damit ist jetzt Schluss. Premierminister Papandreou von der sozialistischen Pasok hat erkannt, wo es im Staat fault. Und er reagiert. Als sich ein Staatssekretär für die Versetzung eines Soldaten einsetzen wollte, hat er ihn mit sofortiger Wirkung entlassen.

Bisher glaubten die Griechen, dass es ausreiche, die Demokratie zu erfinden und sich auf den Lorbeeren ihres so reichen kulturellen Erbes auszuruhen. Doch das reicht nun eben nicht mehr. Ich glaube, dass die Griechen das Fanal an der Wand gesehen haben. Ohne billigen Zweckoptimismus verbreiten zu wollen: Griechenland ist auf der Vorstufe zu einem grundlegenden Mentalitätswandel. Dann wird sich Europa ein anderes griechisches Wort einprägen müssen, das stärker als Rousfeti und Fakelaki zusammen ist: Filotimo.

Es bedeutet eine Tugend, die Würde, Ehre, aber auch Stolz. Greift man das Filotimo des Griechen an, so kann er Kräfte, Begabungen, Fähigkeiten, Tugenden entwickeln, die ihn bislang vor großen Katastrophen gerettet haben und Wunder vollbringen lassen. Beispiele gibt es hierzu einige, etwa das Gelingen der Olympischen Spiele von 2004.

Ich glaube, dass die Griechen kurz davor sind, sich auf ihre Filotimo zu besinnen Auch Alexis, mein freundlicher Taxifahrer, hat viel über dieses Wort philosophiert. Griechenland hängt aber auch von etwas ab, was noch wichtiger ist: Der Bereitschaft, einfach freiwillig eine Quittung auszustellen.

Zum Beitrag in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post