Erinnerung an einen großen Europäer

Der Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis zum Tod des Soziologen Lord Ralf Dahrendorf: Am 18. Juni verstarb im Alter von 80 Jahren der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf. Dahrendorf, der auch ein überzeugter Liberaler und engagierter Europapolitker war, betreute 1995 den Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis als Doktorvater. In einem persönlichen Nachruf würdigt Chatzimarkakis Werk und Leben des Soziologen.

St Anthony´s College, Oxford im Herbst 1995. Mit dem Kurzexposé meiner Doktorarbeit in der Hand betrete ich das Arbeitszimmer von Lord Ralf Dahrendorf. An den Wänden Bücher, vor dem Fenster ist ein Teetisch aufgebaut, aus weißem China zieht Teedampf. Endlich bin ich an einem Ort angekommen, der mich schon immer inspirierte, den ich schon immer sehen wollte: Oxford.

Lord Ralf Dahrendorf |Quelle:David Ausserhofer|

Lord Ralf Dahrendorf |Quelle:David Ausserhofer|

Allerdings nicht nur, weil ich dieses äußerst geschichtsträchtige Gebäude schon lange sehen wollte, sondern vor allem auch wegen Dahrendorf. Er war nämlich der einzige, den ich schon immer als mein wirkliches Vorbild begriff. Nun war ich in seiner Nähe. Im Herbst 1995 ging ich als Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung nach Oxford, um meine Doktorarbeit vorzubereiten. Dass ich gerade Dahrendorf als Betreuer erhielt, wir trafen uns später einmal in der Woche zur Teestunde, war bezeichnender Zufall – dem ich allerdings auch ein wenig nachgeholfen hatte.

Im Grunde genommen stand meine Biographie sehr genau für Dahrendorfs Konzept der „Lebenschancen“, der Forderung nach „Bildung als Bürgerrecht“(1965). Für mich ist das die Essenz der BRD-Gesellschaft: Teilhabe ermöglichen, jedem eine Chance geben und die Freiheit, das Beste daraus machen zu können. Ein durchweg liberaler Ansatz also. Dahrendorf vertrat ihn mit engagierter, publizistischer Verve.

Dass ich, ein Arbeiterkind mit Migrationshintergrund, die Chance erhielt, zu studieren und später mit einem Stipendium in eine der britischen Eliteinstitutionen schlechthin zu gehen, führe ich auch auf die höchst wirkungsmächtige Argumentationen von Dahrendorf zurück. In den 60er Jahren kämpfte Dahrendorf dafür, Mädchen, Landkinder und Katholiken in das Bildungssystem zu integrieren – was erfolgreich gelang. Heute haben wir ein neues Bildungssorgenkind: Migranten. Nur 8% Prozent der Studierenden in Deutschland sind Migrantenkinder, obwohl sie ein Viertel der Kinder und Jugendlichen unter 25 Jahren stellen.

Es spricht für Dahrendorf, dass er sich bis zum Schluss mit diesem Lebensthema auseinander gesetzt hat. Noch 2007 forderte er nach dem Vorbild der „affirmative action“ in den USA Quoten für Jugendliche aus bildungsfernen Schichten. Die schlüssige Frage, wie wir die Potentiale unser Migranten besser nutzen, ist zentral dafür, wie Deutschland in 20 Jahren aussehen wird.

Auch auf einem anderen Gebiet habe ich Dahrendorfs Positionen als wichtige Anregung und „Reibungsfläche“ für meine eigene politische Entwicklung begriffen. Als ich 1995 in Oxford meine wöchentlichen Teestunden mit dem damals schon geadelten Soziologen abhielt, diskutierten wir immer wieder auch über Europa. Hier war Dahrendorf ganz „Brite.“ Als „skeptischer Europäer“, wie ihn die Süddeutsche Zeitung in ihrem Nachruf bezeichnet hat, teilte er die Vorbehalte der Briten gegen das europäische Münzgeld, weil er hier eine Spaltung Europas befürchtete.

Erfahrung in den Europäischen Institutionen hat das Multitalent Dahrendorf, der noch zur Generation der heute selten gewordenen praktischen Tatmenschen gehörte, die durchaus bereit waren, den Elfenbeinturm zu verlassen und Theorie selbst in die Praxis umzusetzen, selbst zu Genüge. 1970 ging Dahrendorf als das zweite deutsche Mitglied innerhalb der Europäischen Kommission nach Brüssel. Schon bald erregte er Aufsehen. In einem Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, den er unter dem Pseudonym Wieland Europa veröffentlichte, kritisierte er die Struktur der EU. Konkret mahnte er ein „Zweites Europa“, also mehr Zusammenarbeit zwischen den Regierungen an, kritisierte die mangelnde demokratische Realität auf EU-Ebene.

Den Europäischen „Superstaat“ lehnte er aber ab. Er war der Überzeugung, dass nur der Nationalstaat einen Rahmen für Rechtstaatlichkeit und Demokratie bieten würde. Dahrendorf war sich dabei bewusst, dass Europa dann am stärksten ist, wenn sich nationale Interessen mit den gemeinsamen Zielen decken – eine Binsenweisheit. 1974 trat er von seinem Posten zurück und kehrte in die Wissenschaft zurück.

Europa hat Dahrendorf als Thema weiter „beackert.“ Meistens als Skeptiker. Aber, so würde ich doch sagen, als sympathisierender Skeptiker. Manches von dem, was er kritisierte, ist immer noch aktuell. So etwa die irrsinnige Umverteilungsmaschinerie der Agrarsubventionen oder die Forderung nach einem Europa der„schlanken Institutionen.“ Deutlich erkannte Dahrendorf auch, dass der Binnenmarkt eigentlich immer wieder gefährdet ist – gerade in Zeiten der Rezession. Dann sei er mit „protektionistischen Eierschalen“ behaftet, schreibt er im Frühjahr 1994 in einem Spiegelessay.

Der zentrale Satz zu Dahrendorfs Europavorstellungen, der gleichzeitig auch als Kernsatz für ein Fundament von Europa sein kann, ist aber folgender: „Europa muss Rechtsstaat und Demokratie verkörpern, pflegen und garantieren; sonst ist es der Mühe nicht wert.“

Mit Lord Dahrendorf hat uns ein großer, liberaler Demokrat verlassen – und auch ein großer Europäer. Er war eine Ausnahmeerscheinung für den europäischen und natürlich auch deutschen Liberalismus. Die Lücke, die er hinterlässt, schmerzt uns alle.